Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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China und Russland – Die neuen "Heilsbringer"

Pro-russische und pro-chinesische Quellen führen laut einem Sonderbericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD), der Ende April veröffentlicht wurde, „koordinierte Kampagnen“ durch, die darauf abzielen, das Vertrauen in die Europäische Union (EU) zu untergraben und von Chinas fehlerhafter Handhabung der Gesundheitskrise abzulenken.

Der Bericht zeichnete ein düsteres Bild. Die Veröffentlichung des Berichts selbst war umstritten: Seriöse Quellen behaupteten, er sei aufgrund des diplomatischen Drucks Chinas abgemildert worden. Nachdem man in Brüssel diese Vorwürfe zunächst zurückgewiesen hatte, gab man – kurz vor Veröffentlichung des Berichts – schließlich zu, dass Peking Bedenken hinsichtlich des Dokuments geäußert hatte.

Die endgültige Version des Berichts ist besorgniserregend genug, ob er nun abgemildert wurde oder nicht.

Laut EAD stellen „staatlich kontrollierte Quellen, die sich an Zielgruppen in der EU, in den Ländern der Östlichen Partnerschaft, auf dem westlichen Balkan und in der MENA-Region richten, die EU und ihre Partner weiterhin als ineffektiv, gespalten und zynisch bezüglich ihrer Reaktion auf COVID-19 dar.” Ein weiteres Problem ist die Verbreitung von Fehlinformationen über Gesundheitsmaßnahmen, von falschen Heilmethoden bis hin zu Propaganda gegen Impfstoffe. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass solche Desinformationen Millionen von Nutzern in sozialen Medien und online erreichen.

Im Juni unternahm die Europäische Kommission einen bis dahin einmaligen Schritt, indem sie Peking abrupt als eine der Hauptquellen für die in Europa zirkulierende Desinformation hervorhob. Die Vizepräsidentin der Kommission, Vera Jourova, sagte offen: „China hat das Vakuum in der EU-Kommunikation während der Krise gefüllt“, zugleich war die Kommission damit beschäftigt, die Voraussetzungen für einen Plan zur Bekämpfung der Desinformation zu schaffen.

Auch Bulgarien war von diesen Entwicklungen betroffen.

Bevor aufgezeigt wird, in welcher Weise, ist es wichtig, einige Punkte zu klären:

  • Im bulgarischen Umkreis der COVID-19-bezogenen Falschinformationen, insbesondere wenn es um deren politische Dimension geht, werden bereits vorhandene Narrative und Kampagnen mit neuen Inhalten versehen, wie bereits zum Teil im Bericht Anti-democratic Propaganda in Bulgaria (Anti-demokratische Propaganda in Bulgarien) der Human and Social Studies Foundation von 2017 dargelegt wurde.
  • Seit Beginn der Pandemie wird China – bis vor Kurzem nur vereinzelt Thema in Bulgarien – in den Desinformationsartikeln, die unten erwähnt und analysiert werden, häufig mit Russland „verbunden“. Zentrale, etablierte Themen in Bulgarien, wie die Kluft zwischen Ost-West oder Russland-USA, erfuhren einen Wandel, entweder durch Handlungen von China gegenüber den USA oder von Russland sowie China gegenüber Europa.
  • Obwohl die Ideologie in den unten analysierten Geschichten eine offensichtliche Rolle spielt, konzentrieren wir uns stattdessen auf die Methoden, die Autoren oder Plattformen bei der Konstruktion von Desinformationsstücken verwenden, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Neben einer offensichtlichen Verzerrung zählen zu diesen Methoden unter anderem irreführende Schlagzeilen, die gezielte Auswahl bestimmter Fakten und das Vermischen bestätigter und seriöser Informationen mit unbestätigten Daten, Unwahrheiten oder Falschinformationen.

Die Ergebnisse zeigten sich schnell: Desinformation hat laut einer von Radio Free Europe-Bulgaria zitierten Umfrage einen besonderen Reiz für Bulgaren.

Desinformationen lassen sich nur schwer nachverfolgen. Im Gegensatz zu seriösen Nachrichten oder Meinungsjournalismus sind manipulative Inhalte häufig anonym, werden als übersetzter Text ohne eindeutige Angabe einer Quelle oder mit einer angegebenen Quelle dargestellt, die überwiegend als unmoralisch betrachtet wird oder der es an Transparenz mangelt.

Krassimir Gadjokov, der Gründer einer bulgarischen Online-Datenbank über Medien, Media Eye, gab zu Beginn der Pandemie ein Beispiel.

Ende Januar veröffentlichte eine anonyme russische Website (auf Deutsch) einen Text, in dem behauptet wurde, das Coronavirus sei von Bill Gates finanziert worden. Eine andere russische Website übersetzte den ursprünglichen Beitrag und präsentierte ihn als echten Inhalt. Einige Tage später veröffentlichte eine bulgarische Website wiederum denselben Artikel. Daraufhin zogen einige weitere Online-Sites nach, die die erste bulgarische Veröffentlichung als Hauptquelle nannten. Mitte März, zwei Monate nach der Erstveröffentlichung, veröffentlichte noch eine andere bulgarische Plattform denselben Text und zitierte die zuvor erwähnten bulgarischen Websites als Quellen. In der Zwischenzeit wurde der Text von der bulgarischen Online-Plattform, auf der der Text zum ersten Mal erschienen war, gelöscht, wodurch sich die Rückverfolgung der Originalquelle noch schwieriger gestaltete.

Oft hat der durchschnittliche Benutzer keine Zeit, nach der Quelle einer bestimmten Geschichte zu suchen, dadurch erfährt diese Strategie zusätzliche Unterstützung. Darüber hinaus erwähnt die Plattform eine Quelle als eine Form der Absicherung, obwohl bereits eine schnelle Suche ausreicht, um die betreffende Quelle als nicht zuverlässig einzustufen. Indem sie sich wie im obigen Beispiel gegenseitig zitieren, gelingt es solchen Websites nicht nur, Inhalte zu verbreiten, sondern auch eine Aura der Legitimität zu erzeugen.

Ein weiteres Beispiel ist ein Beitrag mit dem Titel „SkyNews: Russia and China are Europe’s Saviors, not NATO“ (dt. „SkyNews: Russland und China sind Europas Heilsbringer, nicht die NATO“), veröffentlicht von NewsFront, einer in Russland registrierten Online-Plattform, von der bekannt ist, dass sie falsche oder einseitige Inhalte verbreitet. Der Artikel basiert auf einem Bericht von SkyNews, einem britischen Fernsehnachrichtensender, der davor warnt, dass andere Akteure davon profitieren könnten, wenn die NATO ihre Bemühungen zur Unterstützung ihrer Verbündeten nicht verstärkt, indem sie die COVID-19-Gesundheitskrise für politische Zwecke ausnutzen.

Die bulgarische Version offeriert eine unvollständige und relativ freie Übersetzung des SkyNews-Beitrags und interpretiert ihn aus einem NATO-kritischen Blickwinkel. Das SkyNews-Video beginnt mit Filmmaterial, auf dem die türkische Beihilfe für Großbritannien zu sehen ist, die im Rahmen der NATO-Mechanismen geleistet wurde. Dies wird im bulgarischen Artikel nicht erwähnt. Damit nicht genug: Nirgendwo im SkyNews-Beitrag ist das explizite Zitat zu hören, das die Überschrift „Russland und China sind Europas Heilsbringer, nicht die NATO“ suggeriert.

Die gezielte Auswahl seriöser Quellen und das Hinzufügen dieser Informationen zu einseitigen oder falschen Behauptungen ist bei solchen Inhalten keine Seltenheit. Außerdem gehen die übersetzten Artikel aus ausländischen Publikationen davon aus, dass ihre Leser sowohl die Sprache fließend beherrschen als auch in der Lage sind, die Legitimität eines Artikels selbst zu überprüfen, und nicht der durchschnittliche bulgarische Nachrichtenkonsument, der keine andere Wahl hat, als der bulgarischen Übersetzung zu vertrauen.

Es gibt Fälle, in denen zitierte fremde Inhalte dem Leser nicht einmal zur Verfügung gestellt werden.

Ein Beitrag auf der Website Pogled Info mit dem Titel „Unrivalled!!! Aid for Serbia From the West, China, and Russia – Comparisons” (dt. „Unvergleichlich! Hilfe für Serbien aus dem Westen, China und Russland – Vergleiche“) ist ein gutes Beispiel dafür. Er wurde vom russischen Kolumnisten Aleksey Toparov verfasst und ohne Angabe seiner ursprünglichen Quellen ins Bulgarische übersetzt. Toparov schreibt für russische und pro-russische ukrainische Websites, von denen häufig bekannt ist, dass sie Desinformationen veröffentlichen. Der fragliche Text basiert auf einem Beitrag von The Guardian, ohne dass eine Überschrift oder eine Namenszeile erwähnt wird. Das ursprüngliche Veröffentlichungsdatum in englischer Sprache lag einige Wochen vor dem bulgarischen Desinformationsstück.

Ein Vergleich macht deutlich, dass die bulgarische Übersetzung von Toparov voller Ungenauigkeiten ist. Zum Beispiel gab es im Artikel die Falschinformation, dass der Autor des Guardian-Artikels, Shaun Walker, – nicht in Polgled Info‘sBeitrag erwähnt – geschrieben hatte, dass „nur“ die Russen ein spezielles Militärteam geschickt haben, das mit der Desinfektion und Bereitstellung relevanter Ausrüstung beauftragt ist, und dass die Russen in Belgrad mit „Fanfaren“ begrüßt wurden. Der ursprüngliche Artikel enthielt diese Behauptungen nicht. Er beschreibt die russische Hilfe als begleitet von „viel Medien-Trara“ (engl. „much media fanfare“) und besagt, dass „das Trara um die Lieferungen möglicherweise ihre tatsächliche Verwendung überwiegt.“

Laut einem von Walker zitierten Experten „war die EU anfangs etwas langsam und ungeschickt. Dies passiert sehr oft in der EU, natürlich kann sie nicht so schnell und interventionistisch vorgehen wie China oder Russland.“ In der bulgarischen Version, die auf demselben Artikel basiert, wurde dieses Zitat als „die EU kann nicht so schnell und involviert sein wie China und Russland“ interpretiert.

Das Ersetzen der Originalsprache auf solch subtile Weise manipuliert den Sinn des Inhalts und verleiht dem Beitrag eine völlig andere ideologische Wendung.

Ein weiteres Beispiel ist die Berichterstattung über chinesische Hilfssendungen nach Europa, ein Thema, das auf den oben genannten Online-Websites ausführlich behandelt wurde und ein düsteres Bild der westlichen Länder und der EU zeichnet. Man kann hier einen anderen Desinformationsansatz beobachten: Den Kontext bewusst weglassen. So wird die chinesische Hilfe für Europa als Beweis für die Schwäche Europas dargestellt, ohne dass beispielsweise die im Februar gesendete europäische Hilfeleistung an China oder das mehrfache Vorkommen defekter oder unbrauchbarer Schutzausrüstung aus China erwähnt wird.

Diese Artikel nutzen echte politische und soziale Fragen aus, um ein Propaganda-Narrativ über die kontroverse Reaktion der amerikanischen Regierung auf die Pandemie oder die langsame erste Reaktion der EU auf die Pandemie zu konstruieren. Der Unterschied zwischen Desinformationsinhalten und seriösem Journalismus besteht darin, dass Desinformationsbeiträge weder eine Analyse noch eine eingehende Berichterstattung oder eine vollständige Aufschlüsselung dieser Themen bieten. Stattdessen bemühen sich Falschinformationen darum, dem Leser das vereinfachte Narrativ basierend auf „der Held gegen den Feind“ aufzuzwingen.

Natürlich gibt es auch regelrechte Verschwörungen.

Solche Inhalte nutzen die oben genannten Methoden und stellen darüber hinaus Kritik an Chinas Umgang mit der Pandemie in den Kontext einer „globalen Verschwörung“. Ein übersetzter Artikel ohne offensichtliche Quelle, voller einseitiger und manipulierter Teile von Stories aus seriösen Veröffentlichungen wie The Los Angeles Times und Reuters. Obwohl es keinen Zusammenhang zwischen diesen Artikeln gibt, werden sie als „Beweis“ dafür verwendet, dass die Vereinigten Staaten einen Informationskrieg gegen China führen.

Andere Themen wie Rassismus gegenüber Asiaten wurden absichtlich falsch interpretiert, um ein vereinfachtes pro-chinesisches und anti-westliches Narrativ zu schaffen. Während solche Inhalte zu den provokantesten gehören, sind sie leicht zu entlarven, da sie nicht kohärent sind. Somit ist die Überprüfung von Fakten sowohl für einen professionellen Journalisten als auch für einen informierten Leser relativ einfach.

Das Verdrehen und Entfernen von Fakten aus ihrem Kontext sowie das Mischen von Fakten mit Halbwahrheiten oder völligen Unwahrheiten, um eine Suggestion zu schaffen, ist eine der häufigsten Strategien bei der Erstellung von Desinformation und Propaganda. In diesem Fall dient die nachgewiesene Tatsache, dass China europäische Länder wie Italien unterstützt hat, dazu, die Behauptung zu untermauern, dass chinesische Hilfeleistungen eindeutig bedeuten, dass Europa nicht nur nicht hilft, sondern auch im Kampf gegen COVID-19 versagt.

Eine solche Verfälschung der Tatsachen dient normalerweise einem ideologischen Ziel, ist jedoch nicht unbedingt eine koordinierte Anstrengung.

Man sollte sich vor Verallgemeinerungen hüten und jeden Benutzer, der solche Inhalte teilt, automatisch als Online-Troll oder Bot kennzeichnen. Wir brauchen eine eingehende Analyse, um den Ursprung einer bestimmten Desinformationswelle, ihren Online-Traffic und ihre Ausbreitungsmuster systematisch nachzuweisen. Ein Lichtblick ist, dass nach der aktuellen Krise immer mehr Journalisten und Fakten-Checker solche Tools entwickeln und in ihrer eigenen Arbeit einsetzen werden. Bis dahin ist es wichtig, wachsam zu bleiben und das Wissen um die oben beschriebenen Modelle zu fördern.