Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Glaubwürdigkeit entzieht Desinformationen die Grundlage

Selbst in der Zeit der höchsten Neuinfektionen hatte Südkorea kaum Schwierigkeiten mit Falschinformationen und Verschwörungserzählungen zur Coronakrise. Glaubwürdigkeit, ein hoher konzertierter Aufwand für Faktenchecks – und eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung waren die Schlüsselfaktoren dafür.

Natürlich stoßen Vergleiche an ihre Grenzen, beispielsweise, wenn man Aufrufe und Durchführung sog. „Hygienedemos“, wie sie in Deutschland stattfinden, mit den Verhältnissen in Südkorea vergleichen möchte. Oder wenn der amerikanische Präsident vorschlägt das Injizieren von Desinfektionsmitteln zur Bekämpfung einer Infektion zu prüfen . In einer unheilvollen Melange aus Realitätsverweigerung, Unfähigkeit, Beratungsresistenz, Skrupellosigkeit, eitler machtvollkommener Selbstbesoffenheit, Faulheit und intellektueller Beschränktheit haben Staatenlenker wie der amerikanische, der brasilianische und der philippinische Präsident jeweils tausende Menschen ihrer Bevölkerungen in vermeidbare schicksalhafte Erkrankungen getrieben. Oftmals mit Todesfolge.

Der entscheidende Unterschied in Südkorea: Transparenz ernstgenommen

Als im Februar und März 2020 die Neuinfektionszahlen mit dem Coronavirus zeitweise zu explodieren schienen und die Parlamentswahlen am 16. April bedrohlich näher rückten, wäre die Verlockung groß gewesen, Zahlen und Fakten zu schönen und dadurch das Wahlvolk in eine positive Stimmung gegenüber dem Regierungshandeln zu versetzen. Das war die Zeit, in der Donald Trump auf Abwiegeln und Faktenleugnen setzte, denn auch über ihn und seine Leistungen als Präsident wird in diesem Jahr noch abgestimmt. In dieser Zeit schossen auch weltweit die Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen aus dem Boden.

Bei aller Kritik, der sich Präsident Moon Jae-in, seine Regierung und seine Demokratische Partei ausgesetzt sahen, war man sich in der Bevölkerung des Landes zu jeder Zeit sicher, dass auch unangenehme Wahrheiten präsentiert und unpopuläre Maßnahmen ergriffen wurden, wenn dies von Regierung und Verwaltung als nötig erachtet wurde. Bei allem Misstrauen, das die Zivilgesellschaft in Südkorea sonst gegen die Regierung hegt: Hier machten die Menschen eine Ausnahme, hatten Respekt vor den veröffentlichen Zahlen und Fakten. Dunkelziffern gab es nicht und kaum jemand das Gefühl, nach „alternativen Wahrheiten“ suchen zu müssen.

Eine stabile respektierte und intensiv genutzte Aufklärungsplattform

In Südkorea gibt es seit ungefähr zehn Jahren Institutionen, die sich mit Faktenchecks befassen. OhmyNews, eines der großen Online-Nachrichtenportale checktbeispielsweise seit 2013 Nachrichten auf ihre Wertigkeit.

Ende März 2017 wurde dann ein maßstabsetzender Zusammenschluss für einen allseitig respektierten Faktencheck etabliert: In einer teilweise polarisierten und von politischer Instrumentalisierung und Parteinahme gekennzeichneten Medienlandschaft war eine solche lagerübergreifende Zusammenarbeit ein bedeutsamer Schritt. Bei seiner Gründung gehörten dem SNU FactCheck Center 16 Medienunternehmen an, heute sind es fast 30. Die Online-Plattform für den Faktencheck wird von einer der größten und anerkanntesten Universitäten des Landes bereitgestellt, dem Institut für Kommunikationsforschung an der Seoul National University (SNU).

SNUFactCheck ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss. Unter den beteiligten Medienunternehmen befinden sich alle wichtigen Akteure, große Zeitungen, Fernsehstationen wie auch die größte Nachrichtenagentur Yonhap, mit ihrer gemischten Eigentümerstruktur, in der sich auch staatliche Stellen und staatsnahe Institutionen befinden. Die von der SNU koordinierte Plattform gewinnt ihre Wirkungskraft und Autorität nicht zuletzt aus der Vielzahl der Unterschiedlichkeit der beteiligten Medienunternehmen.

Untersucht wird der Gehalt von Aussagen in Interviews, Stellungnahmen, Veröffentlichungen in Politik, von staatlichen und nichtstaatlichen Stellen, wie auch in Sozialen Medien. Die Mitgliedschaft ist freiwillig und für die Mitglieder der Plattform sehr attraktiv, da sie nicht nur dabei hilft, fundierte Artikel zu erstellen, sondern auch die Glaubwürdigkeit eines Mediums zu erhöhen.

Die Auswahl der zu überprüfenden Aussagen erfolgt themenorientiert und ergibt sich aus politischen Entwicklungen, aktuellen Diskussionen und Unklarheiten. Manchmal geht es ganz banal um die Frage: „Stimmt das, oder stimmt das nicht?“ Momentan wird (s.u.) beispielsweise einigen christlichen Gruppen vorgeworfen, wissentlich und absichtlich Fakten zur Verbreitung des Coronavirus durch ihre Mitglieder und Priester unterdrückt zu haben. Da ihnen auch die daraus erwachsene erneute Verschärfung der Regeln zum Social Distancing und großer wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Schaden zur Last gelegt wird, besteht großer Klärungsbedarf.

Ebenso wichtig wie die Erstüberprüfung einer Aussage oder Behauptung, sind das Instrument des Cross-Checks und die Möglichkeit der Bürgerbeteiligung. In den verbindlich definierten Grundlagen (Code of Principles https://factcheck.snu.ac.kr/home/about ) der Plattform ist festgelegt, dass Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit haben sollen, selbst Themen für einen Faktencheck einzubringen.

Corona und die Anerkennung von Kompetenz

Seit Beginn der Coronakrise wurden die täglichen Berichte zu den Krankheitszahlen stets durch die Gesundheitsbehörden verkündet. Sie sind frei von jeglicher politischen Färbung und beschränken sich auf die Schilderung von Fakten, aus denen dann Verhaltens- und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

Die Autorität und Kompetenz des Koreanischen Zentrums für die Kontrolle von Krankheiten (KCDC) ist uneingeschränkt anerkannt: Anders als beispielsweise in Deutschland, wo Zweifel und unqualifizierte Äußerungen aus der Politik das Robert-Koch-Institut und damit den Umgang mit der Coronakrise beschädigten, die Verunsicherung mancher Bürger verstärkten und die Produktion von Desinformation und Verschwörungserzählungen beflügelten.

Im Übrigen wären Zustände wie in Deutschland ohnehin undenkbar, wo man seit Monaten stets von Samstag bis Montag über eine wacklige Zahlenbasis lernen muss, „da viele Gesundheitsämter am Wochenende keine Zahlen zu Neuinfektionen übermitteln“, wie es dann immer in den Nachrichten heißt. Und wenn sie es während der Woche dann doch tun, geschieht dies teilweise noch mit Faxgeräten. Diese an die 1980er Jahre erinnernde Praxis wäre in Korea unvorstellbar, wo smarte digitale Lösungen einen bedeutenden Anteil am Erfolg der Pandemiebekämpfung haben. Verzögerungen bei der Erfassung, Übermittlung und Verarbeitung von Daten gibt es nicht.

Für jeden Faktencheck und eine schnelle Reaktion auf neue Entwicklungen muss es eine verlässliche Datengrundlage geben. Das weiß man in Korea – und eigentlich auch in Deutschland.

Desinformation und alternative Fakten schaden der Gesundheit

Aber natürlich gibt es auch in Südkorea gesellschaftliche Gruppen, die es vorziehen, „alternativen Fakten“ zu glauben. Zu besonderer Berühmtheit sind verschiedene kirchliche Milieus gelangt, beispielsweise als sich Anfang März im Zuge eines sonntäglichen Gottesdienstes der christlichen Shincheonji-Sekte auf einen Schlag mehr als 4.000 Menschen mit dem Virus infizierten. Der 89-jährige Sektengründer Lee Man-hee steht mittlerweile im Mittelpunkt eines Ermittlungsverfahrens wegen Behinderung amtlicher Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Er soll Beweismittel vernichtet und den Behörden manipulierte und falsche Angaben zu den Besuchern seiner Gottesdienste zur Verfügung gestellt haben.

Einer anderen christlichen Sekte hatte deren Pastor am 8. März in einer Mischung aus Gottvertrauen und Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit alter Hausmittel eine Mund-Rachen-Desinfektion durch eine Salzwassersprühlösung verordnet. Die Frau des Priesters sprühte persönlich jedem Gottesdienstbesucher die Lösung in Mund und Rachen. Sie brachte damit in Handarbeit und im Alleingang das Kunststück einer Ketteninfektion fertig, da sie für alle Kirchenmitglieder dieselbe Sprühflasche benutzte. Bereits am Dienstag nach dem sonntäglichen Gottesdienst waren über 50 Neuinfektionen gemeldet, die in direktem Zusammenhang standen. Damit war der Beweis erbracht, dass ein Höchstmaß an Gottverehrung nicht einmal in Kombination mit Salzwassersprühlösung vor Ansteckung schützt. Monatelang waren in Korea sämtliche Gottesdienste verboten.

Konsequenz, Klarheit, Konsens und Kooperation – oder eben nicht 

Regierung und Verwaltung Südkoreas sind weltweit für ihre erfolgreiche Eindämmung der Covid-19-Pandemie gelobt worden. Entscheidend dafür waren entschiedenes, konsequentes und klares Handeln. Grundlage hierfür ist eine Rechtslage auf der Basis eines gleich zu Beginn der Krise ausgerufenen Gesundheitsnotstandes. Der Erfolg hat seinen Preis, der in der Einschränkung von Freiheits- und Bürgerrechten, der Freiheit der Religionsausübung, Einschnitten in die Privatsphäre, Schwächung des Datenschutzes etc. besteht. Demonstrationen sind seit langem verboten, was der Regierung nicht völlig ungelegen kommt, da die Zustimmungswerte für Präsident Moon Jae-in nach dem Wahltriumph seiner Demokratischen Partei Mitte April aufgrund massiver innenpolitischer Probleme wieder auf einen Tiefststand gesunken sind.

„Hygienedemos“; Maskenverweigerung und Aufmärsche wie sie in Deutschland auch in Coronazeiten üblich und möglich sind, lösen in Südkorea auch in der Bevölkerung eine Mischung aus ungläubigem Erstaunen, Unverständnis und Entsetzen aus. Die Einsicht in das als notwendig Erachtete und von der Regierung Verordnete ist hier groß. Die allermeisten Menschen folgen den Verordnungen und wo sie es nicht tun, werden sie durchgesetzt.

Corona stellt auch in Korea den liberalen Rechtsstaat und das Leben der Menschen aller Generationen auf eine harte Probe. Zurzeit sieht es so aus, als ob die überragende Mehrheit der Bevölkerung weiter kooperieren wird, die Einschränkungen ihrer Lebensgestaltung weiterhin akzeptiert und es Bilder wie jene von der Berliner Großdemonstration von hier nicht geben wird. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der erfolgreichen Ausschaltung von Desinformation

Es zeigt sich allerdings auch hier, dass es fatal sein kann, wenn kleine Gruppen sich im Besitz einer höheren Wahrheit glauben. Ab Mitte August explodierten die Zahlen der Neuinfektionen geradezu und im Zentrum fanden sich wieder einmal zwei religiöse Gruppen. Besonders im Fokus steht die Sarang Jeil Kirche, deren Mitgliederzahl zwischen 2.000 und 4.000 liegt. Genau weiß man das nicht, da sich die Kirchenführung weigert, akkurate Listen herauszugeben und Fälschungen zu decken scheint. Der von den Gemeindemitgliedern als charismatisch empfundene Pastor Jun Kwang-hoon hatte seine Schäflein massiv zur Teilnahme an einer regierungskritischen (nicht genehmigten) Demonstration aufgerufen, zu der sich schließlich geschätzte 20.000 Menschen versammelten. Auch ohne die akkurate Mitgliederliste, konnten in der Woche nach der Demonstration gut 750 Neuinfektionen den Mitgliedern dieser Kirche zugeordnet werden. Auch Pastor Jun und seine Entourage haben sich infiziert, bleiben aber trotzdem kooperationsunwillig.

In der Bevölkerung dominiert ein Stimmungsmix zwischen ungläubigem Erstaunen und blankem Entsetzen über diese Gruppe, die es mit ihrem Verhalten geschafft hat, sämtliche christliche Kirchen und deren Mitglieder in Misskredit zu bringen. Gottesdienste dürfen nunmehr nur noch online stattfinden und Versammlungen mit mehr als 10 Teilnehmern sind bis auf weiteres untersagt – nicht nur im kirchlichen Milieu

Die Regierung hat bei mangelnder Kooperation in Covid-19-Fragen ein Null-Toleranz-Prinzip definiert und lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass dieses auch durchgesetzt werden wird. Die entbehrungsreiche Zeit, die man bis vor Kurzem fast überstanden zu haben glaubte, geht weiter. Wie lange, weiß niemand, doch die Schuldigen glaubt man zu kennen. Gerade erst waren Museen, Bibliotheken und andere öffentliche Orte nach monatelanger Schließung wieder geöffnet worden, nun sind sie wieder zu. Dieses Mal ist die Nervosität besonders groß, da fast nur der äußerst dicht besiedelte Großraum Seoul von den Neuinfektionen betroffen ist.

Im Krieg gegen Falschinformationen wird an vielen Fronten gekämpft. Gewinner wird es keine geben.


ÜBER DEN AUTOR

Dr. Christian Taaks leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Seoul. Er lebt seit zwei Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt.