Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Wie zwei philippinische Millennials gegen Fehlinformationen im Internet vorgehen

Die Journalistinnen Raisa Serafica und Vernise Tantuco kämpfen Tag für Tag an vorderster Front gegen das Problem mit Fehlinformationen auf den Philippinen. Hier erklären sie, warum sie auch abseits des Internet gegen dieses Online-Problem vorgehen.

Negative Kommentare im Internet zu lesen ist eine Sache, zu hören wie einem jemand das Gleiche ins Gesicht sagt, ist etwas anderes. Raisa Serafica, 28, ist mit beiden Situationen wohlvertraut. Als Mitarbeiterin der philippinischen Nachrichten-Webseite Rappler ist dies in Zeiten des zunehmenden Misstrauens gegen die Medien nur ein Teil ihrer Aufgaben. 


Serafica organisiert die Veranstaltungen für Medienkompetenz des Unternehmens an verschiedenen Hochschulen und in unterschiedlichen Provinzen des Landes. Einmal warf ein Teilnehmer Rappler vor versammelter Menge vor, bei der Seite handle es sich um „Fake News“. Ein anderes Mal fragte ein Teilnehmer, warum er wegen eines Kommentars von Rappler auf Facebook blockiert wurde. Der Teilnehmer fragte, wenn Rappler wirklich die freie Meinungsäußerung vertreten würde, warum würde das Unternehmen dann einen Netzbürger blockieren?


Während sich Fehlinformationen immer weiter in den sozialen Medien ausbreiten, steht Serafica an der vordersten Front des Kampfes und bringt Tausenden von Filipinos bei, wie wichtig die Überprüfung der Fakten ist. Ihrer Meinung nach ist der beste Weg, um eine wirkliche Veränderung zu bewirken, die Kommentarfelder hinter sich zu lassen und die Menschen direkt persönlich anzusprechen – so entmutigend das auch manchmal sein kann. 
Aufgrund der von der Pandemie verursachten Einschränkungen organisiert sie ihre Workshops inzwischen online, doch das Ziel bleibt das Gleiche: eine Gemeinschaft aufbauen, die sich gegen organisierte Fehlinformationsnetzwerke wehren kann. Allein dieses Jahr haben 2.000 Menschen, darunter vor allem Studierende, an ihren Webinaren teilgenommen. 


„Wir wissen, dass der Kampf gegen Fehlinformationen nicht nur ... eine Aufgabe sein sollte, die Journalisten übernehmen. Es gehört dazu, eine Gemeinschaft daran zu beteiligen, die auf das gleiche Ziel hinarbeitet“, sagte Serafica. „Angesichts des Ausmaßes des Kampfes gegen Fehlinformationen auf den Philippinen muss dies eine gemeinsame Anstrengung sein.“
2017 kam eine Untersuchung der Oxford University zu dem Ergebnis, dass 2016 im Rahmen der Wahlkampagne des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte 200.000 Dollar an 500 Menschen gezahlt wurden, damit sie Kritiker angreifen und Fehlinformationen verbreiten. Vier Jahre später gibt es immer noch eine Maschinerie, die auch heute die Politik der Regierung aggressiv verteidigt und Kritik im Internet heftig attackiert. Doch das Problem kommt von allen Seiten. „Ich denke, wir müssen auch erwähnen, dass sogar Regierungsmitglieder zu Zielen geworden sind ... oder Empfänger dieser falschen Posts waren“, sagte Serafica. 

Angesagte Themen als Klickbait

Das Problem beschränkt sich nicht nur auf politische Posts, sondern betrifft alle Arten von Online-Inhalten. Seraficas Kollegin bei Rappler, die Forscherin Vernise Tantuco, 27, identifiziert und widerlegt diese verdächtigen Behauptungen Tag für Tag. Seit 2017 überwacht sie Posts in sozialen Medien und hat festgestellt, dass sich Fehlinformationen üblicherweise auf Themen beziehen, die gerade im Trend liegen. Sie erinnert sich an den Ausbruch des Vulkans Taal auf den Philippinen im Januar, als Posts mit Fotos von anderen Vulkanen vorgaben, den Ort des Unglücks zu zeigen. Immer im Vordergrund stehen falsche Zitate, die Politikern zugeschrieben werden, oder übertriebene Geschichten über Streitigkeiten zwischen Persönlichkeiten im Showbiz. 


„Diese lächerlichen Dinge bekommen eine Menge Klicks und es gibt die Theorie, dass diese kleineren Stories oder nicht so wichtigen Stories, die Klicks bekommen, die zur Finanzierung der größeren Fehlinformationsnetzwerke dienen“, sagte Tantuco. 
Derzeit drehen sich die Fehlinformationen rund um das Coronavirus. Seitdem die Fallzahlen im Zusammenhang mit COVID-19 im März zu klettern begannen, haben auch Fehlinformationen über die Pandemie zugenommen, einschließlich falscher Behandlungsmethoden, falscher Impfungen und vermeintlicher Erklärungen zur Herkunft des Virus. Durch die Zusammenarbeit mit einer weltweiten Gemeinschaft von Tatsachenprüfern haben sie erfahren, dass diese Posts überall auf der Welt auftauchen. 


„Wir sind nicht das einzige Land, in dem diese Dinge passieren. Wir sind nicht das einzige Land, das damit zu kämpfen hat“, sagte Tantuco. 


„Die Menschen haben erkannt, dass ein Teil des Kampfes gegen das Coronavirus oder die Pandemie auch der Kampf gegen die im Zusammenhang damit stehenden Fehlinformationen ist“, sagte Serafica und fügte hinzu, dass dies vermutlich der Grund sei, warum so viele Menschen ihren Webinaren zum Thema Tatsachenprüfung beigewohnt haben. 


Serafica, Tantuco und andere Mitarbeiter von Rappler wenden sich nun mithilfe von Videoanrufen an ihre Teilnehmer und beginnen ihre Webinare mit einer Diskussion der Online-Landschaft inmitten der Pandemie, wobei sie die häufigsten Themen und Arten von Fehlinformationen vorstellen. Sie gehen dann den Ablauf einer Tatsachenprüfung durch und schließen das Webinar mit einer praktischen Übung ab. Sie zeigen echte Posts, die sie online gefunden haben, und die Teilnehmer identifizieren, welche Elemente auf Tatsachen überprüft werden sollten. 


Die meisten Teilnehmer kommen von den Philippinen, einige stammen aus Ländern wie Australien, Neuseeland, Thailand und Südkorea, doch sie alle haben ähnliche Sorgen. Serafica sagte, dass die bei Weitem am häufigsten gestellte Frage sei, wie man seine Verwandten darauf anspricht, dass sie Fehlinformationen verbreiten. 
„Ich denke, der Umgang mit Fehlinformationen ist für fast alle von uns bereits Realität. Das Thema liegt den Menschen am Herzen“, sagte sie. „Sie kennen jemanden, einen Freund oder einen Verwandten, einen Onkel, eine Tante, der oder die ungeprüfte Behauptungen im Internet teilt. Und sie möchten etwas daran ändern.“

Wirklich etwas bewegen

Nach jedem Workshop fügt Serafica die Teilnehmer zu einer Facebook-Gruppe hinzu, die gemeinsam mit anderen Nachrichtenorganisationen und Akademikern gemanagt wird und auf der verdächtige Posts ausgetauscht werden können. Jede Person bewegt sich innerhalb der Einschränkungen ihrer eigenen Social-Media-Feeds, weshalb der Austausch entscheidend ist, um falsche Informationen aufzuspüren und eventuell zu widerlegen. 
Einige zweifeln daran, dass ihre Bemühungen wirklich etwas bewegen können. Serafica versichert ihnen, dass sie das können, doch sowohl sie als auch Tantuco geben zu, dass der Kampf gegen Fehlinformationen frustrierend sein kann. Sie vergleichen das Ganze mit einem Wettlauf von Hase und Igel, eine Metapher, die sie Maria Ressa zuschreiben, der Geschäftsführerin und Chefredakteurin von Rappler, die selbst Opfer heftiger Attacken und Falschmeldungen geworden ist. Rappler ist zur Zielscheibe von Online-Angriffen geworden, vor allem nachdem Duterte persönlich die unabhängige Nachrichtenseite für ihre kritische Berichterstattung zu seiner Regierung angegriffen und als „Fake News“ bezeichnet hatte. 
Ihre Aufgabe ist noch schwieriger geworden, seitdem das Anti-Terrorismus-Gesetz der Philippinen verabschiedet wurde, von dem Kritiker glauben, dass die Regierung es benutzen könnte, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen.


„Als das Gesetz verabschiedet wurde, bin ich persönlich etwas ängstlicher geworden, etwas vorsichtiger bei den Dingen, die ich mir online anschaue“, sagte Tantuco in Bezug auf das Gesetz, das der Regierung erlaubt, Kritiker als Terroristen abzustempeln und zu bestrafen. 
Serafica sagte, dass aufgrund der aktuellen politischen Lage nun auch einige der Gruppen, mit denen sie zusammenarbeiten, zu zögern beginnen. Außerdem macht sie sich Sorgen, wenn Freiwillige in ihren Gemeinschaftsinitiativen online attackiert oder als Staatsfeinde bezeichnet werden.


Doch der Kampf gegen Fehlinformationen geht weiter und was sie motiviert, sind die Beziehungen, die sie im Laufe der Zeit aufgebaut haben. 


„Es ist auch sehr ermutigend, dass wir junge Leute und im Bildungswesen tätige Menschen ansprechen können ... Sie sind so motiviert, mit allen Fehlinformationen aufzuräumen, die im Internet ihre Kreise ziehen“, sagte Tantuco. „Es macht so viel Spaß und ... es ist auch sehr inspirierend.“


Fehlinformationen im Internet lassen sich auf organisierte Netzwerke zurückführen, weshalb der Kampf dagegen eine starke Koordination verschiedener Bereiche erfordert. Serafica hofft auf eine vereinte Medienbranche und engagiertere Bürger, während Tantuco die Regierung dazu aufruft, sich auf die Seite der Wahrheit zu stellen. 
„Ich wünschte, die Regierung würde uns tatsächlich helfen oder den Kontakt mit uns suchen und ich würde auch sie gerne unterstützen“, sagte sie. „Es sollte eine gemeinsame Anstrengung auf der Suche nach Lösungen sein, anstatt die Situation auszunutzen, oder?“

FNF unterstützt Rapplers Webinare rund ums Thema Tatsachenprüfung.