Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Die thailändische Wegbereiterin der Pressefreiheit im Kampf gegen Fehlinformationen

Die prominente Medienrechtsaktivistin Supinya Klangnarong sagt, gemeinsame Anstrengungen seien nötig, um gegen die Fehlinformationen vorzugehen, die in der Region zunehmend zu einem Problem werden.

Auch mit Stacheln bewehrte Zäune konnten dem Ansturm etwa hundert wütender Demonstranten kaum standhalten. Schritt für Schritt bahnten sich die Protestierenden ihren Weg auf den Eingang des Parlamentsgebäudes von Bangkok zu. Es war der 12. Dezember 2007, als Aktivisten gegen das von Surayud Chulanont geführte Militärregime Widerstand leisteten. Die Aktivisten protestierten gegen die Pläne der Regierung, undemokratische Gesetze zur Einschränkung der Meinungsfreiheit zu verabschieden. Inmitten der Menge blickte Supinya Klangnarong, eine junge Medienrechtsaktivistin, nach oben auf den Zaun. Sie wägte ihren nächsten Schritt ab. Innerhalb weniger Sekunden stürzte auch sie sich über den Zaun.

„Und so kletterten wir hinein“, sagte Supinya, 44, achselzuckend in einem Café in Bangkok am 20. August. „Es ging darum, die Bürgerrechte und die Meinungsfreiheit zu schützen.“ Das Überklettern dieses Zauns verfestigte in gewisser Weise ihre Entscheidung, ihr Leben der Pressefreiheit und den Grundrechten zu widmen, auch wenn das bedeuten würde, als Kriminelle verurteilt zu werden, und sich außerdem in der schmerzlichen Lage zu befinden, in der politischen Mitte eines tief gespaltenen Landes festzustecken.

Fast 13 Jahre später nutzt Supinya ihre tiefgreifende Erfahrung als Verfechterin der Meinungsfreiheit, um zunehmenden Fehlinformationen im Internet dem Kampf anzusagen.

„In Thailand haben wir auf beiden Seiten nur wenige vertrauenswürdige Medienorganisationen oder sogenannte Tatsachenprüfer“, sagte sie. „Wir haben entweder eine einseitige, extrem voreingenommene Meinung oder völlige Stille“, fügte sie hinzu und betonte, dass stärker gegen Fehlinformationen vorgegangen werden muss.

Doch es ist ein weiter Weg. Supinya hat viele schwierige Momente erlebt.

Es begann 2003, als sie von der mächtigen Shin Corporation des ehemaligen Premierministers Thaksin Shinawatra wegen übler Nachrede verklagt wurde. Anfang des gleichen Jahres war sie Campaign for Popular Media Reform (PMR) beigetreten, einem Netzwerk, das Dutzende von NGOs zusammenbrachte, die sich für eine Reihe von Menschenrechten und Freiheitsrechten einsetzten. Die Gruppe fand heraus, dass die politische Karriere des ehemaligen Premierministers einen Einfluss auf seine finanziellen Vermögenswerte hatte, was einen unübersehbaren Interessenkonflikt darstellte. 

“Ich gehörte zu den Ersten, die einen Bericht verfassten, der diesen Interessenkonflikt kritisierte“, sagte sie. Bei diesem Interessenkonflikt drehte sich alles um die Frage, ob die geschäftlichen Interessen der Familie Shinawatra seine Rolle als Premierminister beeinflussten und damit in Konflikt standen oder nicht.

„Also wurde ich wegen übler Nachrede angeklagt”, sagte sie. Es war ein typischer Fall von „David gegen Goliath“, der weltweit Aufmerksamkeit erregte, erklärte Supinya. „Die Leute wollten wissen, warum ein großes Unternehmen, das dem Premierminister gehörte, eine junge Aktivistin verklagte.“ Ihr drohten zwei Jahre im Gefängnis, die Anklage wurde 2006 jedoch fallengelassen.

Nach einer kurzen Tätigkeit als Dozentin an der Mahidol-Universität wurde sie wegen „Unruhestiftung“ bei der Stürmung des Parlamentsgebäudes im Jahr 2007 vor Gericht gestellt. Sie wurde schuldig gesprochen, bekam jedoch keine Freiheitsstrafe. Sie betonte, dass das Klima der Unterdrückung heutzutage für junge Aktivisten im Land noch schlimmer ist. „In Thailand darf man seine Meinung frei äußern, doch man verliert seine Freiheit, nachdem man seine Meinung geäußert hat“, sagte sie im Hinblick auf die kürzlichen Festnahmen.

Sie ließ sich von den rechtlichen Niederlagen nicht beirren und schloss sich dem Thai Netizen Network an, einer Organisation, die sich für Freiheit im Internet stark macht. Die Gruppe kämpft seit Langem gegen das berüchtigte Computerkriminalitätsgesetz des Landes, ein Gesetz, das laut Bürgerrechtsgruppen „der Regierung zu viel Macht verleiht, um die freie Meinungsäußerung einzuschränken, Überwachung und Zensur einzuführen und Vergeltungsschläge gegen Aktivisten zu verüben.“

„Wir kämpfen seit vielen Jahren gegen das Computerkriminalitätsgesetz und haben viel getan, um die Freiheit im Internet zu schützen“, sagte sie. Doch sie fügte hinzu, dass trotz dieser Bemühungen die Meinungsfreiheit in Thailand heute noch schlechter dasteht als zuvor.

Thailand hat eine lange Geschichte politischer Instabilität. Von der Oberschicht unterstützte Militärregimes lösen demokratisch gewählte Regierungen oft in einer Reihe von Putschs ab. Massive Unzufriedenheit in der Bevölkerung hat zu ständigen Protesten gegen die autoritären Regimes geführt. Die freie Meinungsäußerung wird immer wieder unterdrückt. Selbst heutzutage ist es eine gefährliche Angelegenheit, sich in einer neuen Welle von Protesten gegen die aktuelle, vom Militär unterstützte Regierung auszusprechen.


Supinya ist eine Frau, die fest an ihr Schicksal glaubt. Sie sagt, ihr Leben habe sich fließend von einer Rolle zur nächsten entwickelt, trotz starker öffentlicher Kritik. 
Bevor sie sich dazu entschloss, gegen Thailands wachsendes Problem mit Fehlinformationen zu kämpfen und zivil- und strafrechtlicher Verfolgung zu trotzen, wurde sie im Oktober 2011 von konservativen und progressiven Senatoren zum jüngsten Mitglied der nationalen thailändischen Rundfunkkommission gewählt. Die Kommission sollte Rundfunkmedien im gesamten Land beaufsichtigen und reglementieren.

Supinya war der Ansicht, als Kommissionsmitglied könne sie sich endlich von oben für die Pressefreiheit einsetzen.

„Ich war die einzige Frau, die Jüngste, und ich war die Einzige, die wirklich die Medien und die NGOs vertrat“, sagte sie.

Seitdem haben sich politische Beobachter in Thailand schwer damit getan, sie in eine politische Schublade zu stecken. 
Obwohl sie im Laufe der Jahre Gruppen in allen Bereichen des politischen Spektrums unterstützt hat, sagt sie, dass ihre gemäßigte Position sie am Ende zu einer neutraleren Beobachterin gemacht hat. Im Jahr 2020 hat die öffentliche Meinung wenig mit ihrem Fokus auf den Kampf gegen Fehlinformationen zu tun.

„Den Menschen fällt es schwer, zu verstehen, wo ich stehe“, sagte sie. „Die Leute sind oft verwirrt. Wenn Sie heute mit ihnen sprechen, werden mich die meisten als gemäßigt einstufen oder mich sogar „Salim“ nennen“, fügte sie hinzu. Dabei handelt es sich um eine neue umgangssprachliche Bezeichnung für die konservative Elite Thailands.

„Denn früher war ich Mitglied der PAD [eine Anti-Thaksin-Koalition]. Aber auch die Royalisten oder Konservativen stellen mich in Frage“, erklärte sie.

„Ich weiß, dass einige Leute mich nicht mögen, es ist möglich, dass manche mich sogar hassen, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht zu viel Hass ist, und das ist eine gute Sache“, sagte sie mit einem Lachen. 

Supinya ist überzeugt davon, dass eine intellektuelle Debatte der einzige Weg ist, um schlechte Ideen zu erkennen. Sie sagte, dass eine voreingenommene Tatsachenprüfung ihrem Zweck widerspräche. Sie merkte an, dass die thailändische Regierung ein „Zentrum zur Bekämpfung von Fake News“ eingerichtet hat, doch Kritiker meinen, es könne genutzt werden, um Andersdenkende zu unterdrücken. Die Verbreitung von Fehlinformationen erfordert eine neutralere Überprüfung der Tatsachen. Dies möchte sie mit ihrer eigenen Gruppe für Faktenchecks erreichen.

Thailands Ministerium für digitale Wirtschaft und Gesellschaft warnte kürzlich davor, dass sich das Problem verschlimmert. Das Ministerium gab an, dass alleine im August über 3.000 Social-Media-Seiten und Websites gegen Gesetze im Zusammenhang mit Fehlinformationen verstoßen hätten.

„Das Problem der Fehlinformation ist für jedes Land eine Herausforderung. Wir müssen also daran arbeiten, doch die Lösung sollte immer noch das Prinzip der freien Meinungsäußerung schützen, weshalb wir mit dem Ansatz des Staates nicht einverstanden sind“, sagte sie und fügte hinzu, dass niemand dem vom Staat geleiteten Zentrum vertraut.

Doch Cofact, die von Supinya mitbegründete neue Gruppe für den Kampf gegen Fehlinformationen, hofft darauf, als unabhängiger Tatsachenprüfer gegen das wachsende Problem mit „Fake News“ vorgehen zu können, erklärte sie. Die Gruppe hat regionale Diskussionsforen geleitet, die sich damit beschäftigten, wie sich das Problem angehen lässt. Sie sagte, man sei zu dem Schluss gekommen, dass ein kollaborativer Ansatz für die Tatsachenprüfung durch den Staat, die Zivilgesellschaft und die Medien nötig ist, um die Verbreitung von Fehlinformationen besser zu bekämpfen. Es muss eine gemeinsame Anstrengung sein, sagte sie.

Für die meisten Menschen sei es schwierig, Informationen im Internet mit absoluter Sicherheit zu identifizieren, sagte Supinya, doch „gleichzeitig müssen wir uns vor der dunklen Seite der Online-Welt hüten: Fake News, Hass und Aggression“.

„Wir müssen die Meinungsfreiheit als Wert hochhalten, aber gleichzeitig müssen wir auch unsere eigene digitale Intelligenz und Empathie stärken.“


FNF unterstützt die Aktivitäten von Cofact und die Entwicklung der Faktencheck-App.