Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Fehlinformationen und Gesundheitsversorgung: Die Infodemie in Indien

COVID-19 hat sich in Indien und auf der ganzen Welt verbreitet. Da ist jedoch noch etwas anderes, das eine ähnliche Viralität aufweist: Fake News und Fehlinformationen. Falsche Daten, Wunderheilmittel, Verschwörungstheorien und religiöse Diskriminierung haben nicht zuletzt dank WhatsApp und Facebook enorm an Zugkraft gewonnen.

Fehlinformationen waren in den letzten Jahren ein wichtiges Thema in Indien. Die FNF hat darüber bereits berichtet. Ein falsch informierter Bürger ist ein uninformierter Bürger, und während einer globalen Pandemie kann dies schwerwiegende negative Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens haben. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation bezeichnete die Verbreitung von Fake News rund um das Coronavirus als „Infodemie“.

Ziel dieses Berichts ist es, einige der Falschdarstellungen von der Coronavirus-Pandemie in Indien zu kategorisieren. Eine Studie des Reuters-Instituts an der Universität Oxford hat die wichtigsten Trends für Fake News rund um das Virus untersucht und festgestellt, dass die meisten Fehlinformationen durch verschiedene Arten von Neukonfigurationen entstanden sind, bei denen „aktuelle und oft wahre Informationen umgedeutet, verdreht, neu kontextualisiert oder überarbeitet werden“. Interessanterweise stellte sich heraus, dass Fehlinformationen durch Politiker, Prominente und andere prominente Personen zwar seltener verbreitet werden, aber dafür mit der größten Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Die meisten Fehlinformationen enthielten irreführende Behauptungen zu Handlungen von Behörden und Regierungen oder internationalen Organisationen.

Ursprung und Ursachen

Es gibt viele unterschiedliche Darstellungen hinsichtlich des Ursprungs und der Ursachen des Virusausbruchs. In Indien erfreuen sich besonders zwei davon einer großen Glaubwürdigkeit: a) dass sich das Virus deshalb verbreitet hat, weil die Menschen in China bevorzugt Fledermäuse konsumieren und b) dass das Virus in einem biotechnologischen Labor entstanden ist.

Zwei prominente Faktenprüfungsorganisationen in Indien, AltNews und BoomLive, haben unabhängig voneinander erstere Behauptung entkräftet. Diese war zuerst in Reddit und anderen Online-Diskussionsforen aufgetaucht. Wuhan, wo das Virus zum ersten Mal identifiziert wurde, ist auch der Standort von Chinas virologischem Labor der höchsten Biosicherheitsstufe, in dem einige der gefährlichsten Krankheitserreger gelagert sind. Dieser Umstand wurde dann von Meinungsmultiplikatoren in der ganzen Welt aufgegriffen, vor allem von einem US-Senator, der Washington Times und dem indischen Politiker Manish Tewari.

China hat sich seither gegen die vermeintliche Politisierung der Pandemie gewehrt und versucht, die Desinformation mit der gleichen Taktik zu bekämpfen. So verbreitet dort aktuell die These, dass das Virus in Wirklichkeit ein Projekt der biologischen Kriegsführung der US-Regierung sei. Russland hat ebenfalls die Gelegenheit genutzt, um sich an einer Desinformationskampagne zu beteiligen, und zwar mit dem geistigen Nachfolger, wenn auch in abgeschwächter Form, der Operation INFEKTION der Sowjet-Ära, der Gegenstand eines zukünftigen Artikels sein wird. In Indien hat die angeblich biotechnologische Entstehungsgeschichte des Coronavirus, von einigen wenigen Artikeln abgesehen, noch nicht die allgemeine Diskussion erreicht. Allerdings ist COVID-19 mittlerweile als „China-Virus“ bekannt, was eine chinafeindliche Stimmung ausgelöst hat. So wurden bereits Menschen aus Nordostindien in einigen Fällen mit Vorfällen von Rassismus und Diskriminierung konfrontiert. Diese Sinophobie hielt dann bald auch in der Marktwirtschaft Einzug. So fürchtete man eine Ansteckung mit dem Virus durch in China hergestellte Waren.

Prävention

Falschdarstellungen über die Verhinderung einer Infektion mit dem Coronavirus reichen von der Empfehlung, keinen Kohl zu essen, über den Konsum von Gemüsesaft, die Behauptung, dass das heiße Wetter in Indien das Virus abtötet, dass Inder eine „natürliche genetische Immunität“ besitzen und man den Virus als Vegetarier nicht fürchten muss. In den ersten Tagen des Lockdowns in Indien gab das Ministerium für Ayurveda, Yoga und Naturheilkunde, Unani, Siddha und Homöopathie (AYUSH) eine Pressemitteilung heraus, in der den Menschen geraten wurde, warmes Wasser und ein Kräutergebräu namens „Kadha“ zu trinken, um das Immunsystem zu stärken. Diese Informationen wurden später in das Gurgeln mit warmem Wasser, Essig und Salz umkonfiguriert. Der vom Presse-Informationsbüro eingerichtete Faktenprüfungsdienst hat diese Behauptung mittlerweile entkräftet. Viele andere Empfehlungen zu pflanzlichen Heilmitteln, die von der Regierung, Politikern und den Medien veröffentlicht wurden, sind von verschiedenen dieser Einrichtungen ebenfalls als Humbug entlarvt worden. Falschdarstellungen hatten in einigen Fällen sogar einen tödlichen Ausgang. So haben sich mehr als 12 Menschen mit Stechapfelsamen vergiftet, der auf TikTok als Heilmittel für das Virus vermarktet worden war.

Heilmittel

Das Coronavirus hält schon seit längerem die ganze Welt in Atem, aber während Wissenschaftler an einem Heilmittel arbeiten, hat dies staatliche und nichtstaatliche Akteure nicht davon abgehalten, Falschinformationen zu verbreiten. So behauptete ein Regionalpolitiker der Regierungspartei, dass Mist und Urin von Kühen bei der Entwicklung eines Heilmittels verwendet werden könnten und dieser Umstand „eine gewisse wissenschaftliche Basis habe“. Im Anschluss daran veranstaltete eine hinduistische Gruppe eine „Party“ mit Kuhurin, um so das Coronavirus abzuwehren. Mehr als 200 Menschen nahmen an dieser Veranstaltung teil, bei der Straßenverkäufer an Ständen Kuhmist und -urin feilboten. Die Partei und verschiedene hinduistische Gruppen preisen die Vorteile dieser Produkte schon seit langem an. Leider aber zeigen sie keinerlei Wirkung gegen das Coronavirus.

Premierminister Modi kündigte für den 22. März eine Janata, eine 14-stündige Ausgangssperre für das gesamte Land an. Ausgenommen davon blieben nur die wesentlichen Dienste. Dazu forderte er die Menschen auf, um 17.00 Uhr desselben Tages in Anerkennung der Mitglieder dieser wesentlichen Dienste in die Hände zu klatschen und Glocken zu läuten. Dies löste eine Welle von Falschdarstellungen aus, unter anderem, dass die Regierung geplant haben soll, während der Ausgangssperre im ganzen Land Desinfektionsmittel zu versprühen. Viele Menschen, darunter auch Prominente, teilten über soziale Medien mit, dass Klatschen und Glockengeläut Vibrationen erzeugen, die das Virus abtöten. Der Bollywood-Schauspieler Amitabh Bachchan assoziierte die Ausgangssperre in einem Tweet mit Astrologie und nannte sie die dunkelste Nacht des Monats. Aufgrund der kritischen Reaktion hierauf löschte er seinen Tweet dann wieder. Bei einem anderen derartigen Vorfall wurden Tweets des Schauspielers Rajinikanth wegen Verbreitung von Fehlinformationen von Twitter gelöscht. Ein weiteres Trendthema in diesem Zusammenhang war, dass eine 14-stündige Ausgangssperre das Ende des Virus bedeuten würde, da es nur eine Lebensdauer von 12 Stunden habe. Dann gab es da die Behauptung, dass die Ausgangssperre die Auswirkungen des Virus um über 40 Prozent reduzieren würde.

Eine ähnliche Zunahme von Fake News wurde festgestellt, nachdem der Premierminister alle Menschen in Indien aufgefordert hatte, zu Hause das Licht auszuschalten und Kerzen, Öllampen oder Fackeln anzuzünden oder mobile Taschenlampen einzuschalten. Des Weiteren haben verschiedene Personen in sozialen Medien die angebliche numerologische und astrologische Bedeutung von Datum, Zeitpunkt und Dauer dieses Ersuchens hervorgehoben.

Ausbreitung und Auswirkungen

Die weltweite Verbreitung des Virus hat auch zu einem Anstieg der Fehlinformationen bei konfessionellen Vereinigungen geführt. So hat der islamische Staat (ISIS) das Virus als „göttliche Rache und Strafe“ für Ungläubige bezeichnet. Ein indischer Prediger hat diesen Gedanken aufgenommen und behauptet, das Virus sei die Vergeltung für die Verfolgung der uigurischen Muslime durch die chinesische Regierung. Die vielleicht hässlichste Form von Fake News rund um das Coronavirus sind die grassierenden islamfeindlichen und sektiererischen Fehlinformationen über seine Verbreitung und Auswirkungen. Alles begann, als bekannt wurde, dass die islamische Missionsgruppe Tablighi Jamaat ein internationales Treffen in ihrem Hauptquartier in Delhi organisiert hatte. Dieses Treffen wurde dann mit einem deutlichen Anstieg der Zahl der positiven Covid-19-Fälle im Land assoziiert. Die Veranstaltung, an der über 1500 Personen teilnahmen, wurde deswegen als „Superspreader“ kategorisiert. Im Zuge dessen wurde fast unmittelbar der Begriff „Corona-Dschihad“ geprägt, der sich in den sozialen Medien schnell verbreitete. Führende Persönlichkeiten der regierenden BJP bezeichneten die Veranstaltung kurz danach als Terroranschlag und als Verbrechen der Taliban. Die meisten Mainstream-Medien nahmen den Köder auf und sorgten dafür, dass Hashtags wie „CoronaTerrorismus“ und „CoronaBombenTablighi“ in den sozialen Medien kursierten. Dies wiederum führte kurz danach zu einer Reihe diskriminierender Aktionen, darunter ein Aufruf des Führers der Hindu Mahasabha Partei, Jamaat-Mitglieder „standrechtlich“ zu erschießen. Ein Mitglied der gesetzgebenden Versammlung (MLA) der BJP rief zu einem Boykott muslimischer Gemüsehändler auf. Selbstjustizgruppen setzten den Aufruf direkt in die Tat um und in einigen Fällen kam es sogar zu körperlichen Übergriffen. Gefälschte und/oder missgedeutete Videos und Fotos wurden über soziale Medien verbreitet, um die Diskriminierung von Muslimen voranzutreiben.

Diese Welle der Islamophobie verschonte selbst die unschuldigsten aller Menschen nicht: Zwei Neugeborene starben, als ihrer Mutter, einer muslimischen Frau, der wegen angeblicher Verbreitung des Coronavirus der Zutritt zu einem Krankenhaus verweigert und die dabei tätlich angegriffen wurde. Ein Krebskrankenhaus des Landes gab eine Mitteilung heraus, in der es hieß, dass es keine neuen muslimischen Patienten aufnehmen würde, bis sie den Nachweis erbracht hätten, dass sie negativ auf Covid-19 getestet wurden.

Schlussfolgerung

Das schiere Ausmaß sowie die Natur von Fake News haben dazu geführt, dass faktenüberprüfende Organisationen in Indien Überstunden machen, um Falschdarstellungen zu entkräften. Um informierte Bürger zu gewährleisten, ist es unerlässlich, dass wir uns an der „Schlacht um eine korrekte Darstellung“ beteiligen. Die wichtigsten Schritte im Kampf gegen Fake News sind: a) Lesen Sie den ganzen Artikel und nicht nur die Schlagzeile, b) überprüfen Sie den Artikel anhand glaubwürdiger Quellen, und c) fragen Sie nach dem Zweck des Inhalts. Für den Fall, dass Sie nicht in der Lage sind, Fakten von Fiktion zu trennen, gibt es Kanäle wie AltNews, BoomLive, AFPFactCheck, Factlyund PIB FactCheck, die regelmäßige Updates herausgeben und Fake News anprangern. Dazu haben indische Wissenschaftler die Koalition Indian Scientists’ Response to Covid-19 gegründet, um evidenzbasierte Maßnahmen gegen das Virus zu unterstützen. WhatsApp hat auf seiner Plattform ebenfalls eine Liste von Faktenprüfern bereitgestellt.