Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Trolle trollen

Nach dem größten Cyber-Angriff in der Geschichte Estlands im Jahr 2007 hat das Baltikum einen Sonderweg im Kampf gegen Internet-Kriminalität und Desinformation beschritten. Neben Krypto-Währungen und kompromissloser Digitalisierung verlassen sich Estland, Lettland und Litauen auf eine Gruppe von „Elfen”.

„EU will Baltische Staaten ausschließen“. Eine Schlagzeile in lettischer Sprache, auf einem Newsportal. Der Server liegt im Ausland, das Impressum zeigt keine Anschrift. Die „Elfen“ allein können verhindern, dass die Falschmeldung nicht weiter über soziale Kanäle verbreitet wird und die Seite der Polizei melden.

Wie auch bei Tolkien kämpfen im Baltikum Trolle gegen Elfen. So nennen sich die Gruppen von Freiwilligen, die in Estland, Lettland und Litauen gegen Falschmeldungen im Netz vorgehen. Allein in Litauen sind es bereits mehr als 5000 Menschen, die nach eigener Aussage „Trolle trollen“. Soll heißen: Sie durchforsten Facebook, Twitter, Instagram, TikTok und Nachrichtenportale nach Fake News, kommentieren sie (oft wenig charmant), geben den Portalen und Plattformen Hinweise, bringen Trolle zur Anzeige – und versuchen, durch Recherche die Quellen der Meldungen auszumachen.

Denn allein durch eine schärfere Gesetzgebung ließe sich nicht gegen die Flut an Falschmeldungen ankämpfen, wie Vilnius liberaler Bürgermeister Remigijus Šimašius klarstellt. Deswegen unterstützen Partei-Kollegen und das Verteidigungsministerium die Initiative mit allen Kräften. Erste Grundfertigkeiten und Web-Kompetenz soll nun bereits in der Schule unterrichtet werden.

Gern präsentieren sich die Baltischen Staaten, gerade durch Projekte wie dieses, als Vorreiter des digitalen Wandels in Europa. E-Government statt Papier-Tiger. Auch nachdem beim Nachbarn Estland 2007 ein Hacker-Angriff Behörden und Banken tagelang lahmgelegt hat, hieß die Reaktion nicht: zurück zum Alten. Sondern: Prävention und Optimierung.
So nutzt Estland die Blockchain mittlerweile nicht nur für sichere digitale Überweisungen und Behördengänge. Die dezentrale, gemeinsam von Teilnehmern genutzte Datenbank kennt man sonst aus dem Bereich von Bitcoin und Co. Nun soll sie Fake News die Sprengkraft nehmen, indem sie Kopien und Fälschungen ausschließt. Wie genau?

Mit voller Transparenz der Änderungen und Quellenangaben: Nahezu jede Nachricht, die offizielle Stellen oder Redaktionen in Estland und Litauen herausgeben, sind zu 100 Prozent für den Nutzer auf der Blockchain nachvollziehbar. Sofern er sie denn nachprüfen will.

Denn allein durch Aufklärung kann man zwar Optionen aufzeigen, jedoch nicht garantieren, dass in einigen Teilen der Bevölkerung krude Mythen nicht auch Anklang finden.

Doch auch das strikte Vorgehen gegen Fake News gibt es Kritiker. Und damit sind nicht die Trolle gemeint. Litauische Medienexperten und Journalisten weisen darauf hin, dass nach einem neuen Gesetzestext „regierungskritische“ Beiträge, die das „Misstrauen gegenüber dem Staat“ befördern geahndet und bestraft werden können. In ihren Augen schränke man damit auch die Meinungsfreiheit im eigenen Land ein und riskiere, dass einheimische Medienschaffende für offene Kritik verfolgt werden könnten. Deswegen kommen weiterhin freiwillig ausgebildete Helfer zum Einsatz.

Das Beispiel der Baltischen Staaten macht nun international Schule. Zumindest während der Corona-Krise auf Facebook, Twitter, Instagram. Sie rufen nun verstärkt ihre Nutzer dazu auf, Beiträge zu melden. Unternehmensinterne Faktenprüfer gehen diesen Tipps nach und versehen Beiträge mit Warnmeldungen, falls sie offenkundige Falschinformationen enthalten. Erstmalig wird dabei auch im Nachhinein Anzeige erstattet, falls der Beitrag als gefährlich eingestuft und gelöscht werden muss.