Über die Kampagne

Desinformation, Propaganda und “Fake News” hat es schon immer gegeben. Aber warum sollten wir uns darüber überhaupt Sorgen machen?

Was sie heute anders ist, ist ihre schnelle Verbreitung und globale Reichweite. Die Verbreitung falscher Informationen wird von den Gegnern der Freiheit absichtlich als Waffe eingesetzt. Sie wird benutzt, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in demokratische und staatliche Institutionen sowie die Medien zu mindern und soziale Spaltung, Ressentiments und Ängste zu verstärken.

Die Kampagne FreedomFightsFake ermutigt Bürgerinnen und Bürger rund um den Globus, sich kritisch mit dem Thema Desinformation auseinanderzusetzen.

Wie können wir erkennen, welche Behauptungen (absichtlich) falsch sind?
Auf welche Weise können wir dem globalen Phänomen der Desinformation begegnen?
Wie steht es um die Medienfreiheit in der Welt und wie können wir sie stärken?

Begeben Sie sich mit uns auf die Suche nach Antworten unter und lassen Sie uns gemeinsam gegen Desinformation vorgehen!

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Wer’s sich leisten kann – Fact-Checking über WhatsApp

Die Kommunikation über Messenger ermöglicht uns intensiver mit Freunden und Familie Kontakt zu halten - kostengünstig über alle Ländergrenzen hinweg, Aktivitäten im Sportverein oder der Partei zu organisieren und Nachrichten von Medienhäusern zu abonnieren. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt.

Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der meisten Messenger ermöglicht nicht nur einen geschützten Raum vor Dritten, den jeder verdient. Sie schützt vor allem jede:n, der sich über Messenger organisiert und für Bürgerrechte und Demokratie kämpft. Um die Bedeutung von verschlüsselter Messengerkommunikation zu begreifen, genügt ein Blick nach Hongkong.

Doch wie bei allem in der Welt, gibt es auch bei Messengern Schattenseiten. Die weltweite Corona-Pandemie wird begleitet von einer “Infodemie”, wie sie die Weltgesundheitsorganisation nennt. Desinformationen und Verschwörungserzählungen werden nicht nur über Facebook, Twitter und YouTube - zunehmend auch Instagram - verbreitet. Messenger und ihr privater Raum sind ein idealer Kanal um diese gefährlichen Inhalte zu verbreiten. Kaum einsehbar von außen. Sprachnachrichten von der “Mutter vom Poldi”, die zum Beginn der Pandemie in Deutschland auf WhatsApp zigfach weitergeleitet wurden und der Telegram-Kanal vom Verschwörungsideologen Attila Hildmann sind nur zwei Beispiele, die auch hierzulande aufzeigen, dass wir uns mit Messengern und ihrer Bedeutung bei der Verbreitung solcher Inhalte beschäftigen müssen.

Dass die Verbreitung von Desinformationen auf Messengern gravierende Auswirkungen haben, sollte mindestens WhatsApp schon lange bekannt sein. In Ländern wie Indien und Brasilien gab es bereits erhebliche Probleme. Sei es durch Desinformationen, die in Indien unter anderem dazu beitrugen, dass sich Lynch-Mobs auch auf WhatsApp zusammen rotteten und Gewalttaten bis hin zu Lynchmorden verübten, oder Desinformationskampagnen während der Präsidentschaftswahlen in Brasilien, die Jair Bolsonaro ins Amt verhalfen. Die Verbreitung von Desinformationen in Messenger-Nachrichten und Gruppen hat ganz andere Auswirkungen, als öffentliche Desinformationen auf beispielsweise Facebook oder Twitter, wo zum einen Widerspruch von Dritten eingelegt werden kann, zum anderen Plattformen eingreifen können, um gegebenenfalls Inhalte zu löschen, wie es Twitter und Facebook mittlerweile bei Falschinformationen zu COVID-19 tun. Die ganze Problematik von Messengern bei Desinformation ist in dieser Studie nachzulesen.

Klar ist, dass es bei der Bekämpfung von Desinformationen generell und der Empfänglichkeit von Menschen für diese und Verschwörungserzählungen nicht reicht, die Verantwortung an Plattformen oder Messenger abzuschieben. Hier braucht es umfassende Lösungen. Von Regulierungsansätzen bis hin zu Bildung für Menschen jeden Alters, zum Beispiel über eine Bundeszentrale für digitale Bildung. Und doch bleibt die Verantwortung von Plattformen und Messengern nicht aus. Aufgrund der Vorfälle in Indien und Brasilien hat WhatsApp bereits vor Jahren reagiert und beispielsweise vor Jahren technische Änderungen vorgenommen, sodass man nun sehen kann, dass eine Nachricht per Weiterleiten-Funktion weitergeleitet wurde. Durch die Corona-Infodemie wurde die Weiterleitung von Nachrichten eingeschränkt, die bereits fünfmal weitergeleitet wurden. Diese können fortan nur noch in einzelne Chats weitergeleitet werden, nicht mehr in bis zu fünf gleichzeitig. WhatsApp gibt an, dass dadurch die massenhaft weitergeleiteten Nachrichten um 70 Prozent weniger wurden. Das alles funktioniert, ohne das WhatsApp den Inhalt der Nachrichten sehen kann. Die so wichtige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bleibt von solchen Maßnahmen unberührt - und muss es auch zwingend bleiben.

Nun kündigte WhatsApp ein neues Feature an, um Desinformationen auf dem Messenger zu begegnen: Das Internet durchsuchen! Nutzer:innen in Brasilien, Italien, Irland, Mexiko, Spanien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten soll es fortan möglich sein, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten, die mindestens fünfmal weitergeleitet wurden, per Web-Suche zu überprüfen. Diese Nachrichten erhalten ein Lupen-Symbol und fragen den User, ob er oder sie die Nachricht an Google schicken möchte, um das Netz nach diesem Inhalt zu durchsuchen.

So weit, so gut. Prinzipiell könnte den Inhalt jede:r auch so mit einer kleinen Google-Suche durchsuchen, aber das ist, wie auch die oben genannte Studie zeigt, häufig leichter gesagt als getan. Auch bieten Messenger eine perfekte Umgebung um Nachrichten schnell und ohne viele Gedanken weiterzuleiten. Etwas Nudging durch ein Symbol kann hier sicher nicht schaden, schließlich ist Technikgestaltung eine Möglichkeit Nutzer:innen von der Weiterleitung von Desinformationen und Verschwörungserzählungen abzuhalten oder sie mindestens zum Innehalten anzuhalten.

Problematisch wird diese Funktion allerdings dann, wenn man sich die Web-Suche leisten können muss. Und zwar finanziell. Mit ein Grund, warum sich in Brasilien - eines der Länder, in denen das neue Feature ausgerollt wurde - so gut gerade auf WhatsApp verbreiten konnte ist, dass dort sogenanntes “Zero-Rating” möglich ist und für den Messengerdienst genutzt wird. Das heißt, für die Nutzung von WhatsApp (und andere Services, die mit dem Telekomanbieter einen entsprechenden Vertrag abschließen) wird kein Datenvolumen verbraucht. Der Besuch einer Webseite, oder die Nutzung eben aller Services, die kein Zero-Rating vereinbart haben, ist vorhandenes Datenvolumen oder WLAN notwendig. Aus deutscher Perspektive mögen diese Kosten für den Besuch von Wikipedia oder einer Google-Suche, für die meisten lächerlich klingen - auch wenn man hierzulande berücksichtigen muss, dass sich auch hier nicht jede:r Datenvolumen leisten kann, das auch noch am Ende des Monats vorhanden ist. Vergleicht man jedoch die Kosten für Datenvolumen, die durchschnittlich in Deutschland beziehungsweise Brasilien monatlich anfallen, wird das Problem deutlicher: Während in Deutschland im Schnitt 0,5 Prozent vom durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen für mobiles Datenvolumen ausgegeben werden, kann ein Breitbandanschluss in Brasilien bis zu 15 Prozent des Nettohaushaltseinkommens kosten.

Ein weiteres Problem, dass bei der Maßnahme von WhatsApp keine Beachtung findet ist, dass nur Links zu Webseiten einem Fact-Checking unterzogen werden können. Für Bilder und Videos steht diese Funktion nicht zur Verfügung. Dabei sind es vor allem (audio-)visuelle Inhalte, die ohne Aufwand, wie zum Beispiel einen Klick, konsumiert und damit verstanden werden können. Häufig ist für die Verbreitung von Desinformation oder Verschwörungserzählungen über visuelle Inhalte nicht einmal eine Übersetzung des Inhalts notwendig, da die Bilder ihre eigene Sprache sprechen.

Plattformen, Messengerdienste und Gesellschaften müssen sich viel stärker überlegen, wie sie etwas gegen Desinformationen und Verschwörungserzählungen unternehmen können und Menschen resilienter machen können. Dass wir es aktuell mit einer Infodemie zu tun haben zeigt, wie brisant das Thema ist. Nicht nur im gesundheitlichen und politischen Bereich, insbesondere vor Wahlen. Das Problem ist permanent und betrifft jeden gesellschaftlichen Bereich. Bei diesen Überlegungen muss dringend berücksichtigt werden, dass der Zugang zu Informationen nicht (wesentlich) vom Geldbeutel abhängen darf. Maßnahmen von Plattformen und Messengerdiensten müssen auch immer anhand der Gegebenheiten in den Ländern, in denen sie agieren, überprüft und bewertet werden. Für Brasilien und andere Länder, die noch Zero-Rating zulassen, wird die neuste technische Änderung von WhatsApp vermutlich eher kein essenzieller Teil zur Lösung des Problems sein.